Auf dem Sonnengruß surfen oder das IBM-System

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Das Bild mit dem Blasebalg birgt leider eine Gefahr in sich: Dass man anfängt, sich wie ein Blasebalg zu verhalten und nach dem Prinzip verfährt, dass mehr automatisch besser ist.
Die Gefahr, die wiederum hierin liegt ist, dass man vergisst, dass Surya Namaskara ein andächtiges Gebet ist, welches aus mehr Teilen besteht, als Bewegung und Atmung.
Der Sonnegruß ist eine bewegte Meditation und auch wenn das mit dem Blasebalg soweit stimmt, dass wir am Anfang der Yogastunde den Körper warm bekommen wollen, so ist es doch nicht so, dass die Körperbewegung den Atem bestimmt – sondern umgekehrt.

Das klingt vielleicht erst mal verwirrend, denn ein sich zusammen klappender Körper presst die Luft ja automatisch aus sich heraus, also wäre es nur logisch, wenn die Körperbewegung den Atem bestimmt.
Tatsächlich ist es aber anders herum, genau gesagt sind Atmung und Bewegung nur die Schritte 2 und 3 eines dreiteiligen Systems, das abgekürzt in seiner englischen Übersetzung leicht zu merken ist, denn die Initialen dieses Systems kennt fast jeder als Name eines der ganz großen IT-Unternehmen: IBM.
Im Yoga stehen die drei Buchstaben für:

Intention
Breath
Movement

Das bedeutet: Vor der Bewegung steht die Absicht. Der Sonnegruß – wie im Idealfall jede Asana – ist keine Sportübung die man im schlimmsten Fall lustlos vor dem Fernseher macht und auch keine automatisierte Pflichtübung.
Der Sonnengruß ist eine Asana in Bewegung. Mit der gleichen Anforderung an Konzentration, Kontrolle und Fokus.
Deswegen steht das Bewusstwerden vor der ersten Bewegung. Dann kommt der Atem und der Atem trägt die Bewegung.
Ernsthaft, es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man die Arme in die Luft schmeißt und danach in die verbleibende Zeit krampfhaft Luft hinterher zieht oder ob der Atem das sich-Heben des Körpers auslöst und die Arme nach oben trägt wie beispielsweise ein schnell steigender Wasserspiegel.
Genauso können wir den Körper erst dann zusammen sinken und sich falten, wenn der entweichende Atem langsam den Platz schafft.

Diese Version hat mehrere Gründe:

1) Ahimsa. Wenn wir uns auf den Atem als leitendes Element konzentrieren und aufmerksam mit den Bewegungen folgen, ist die Gefahr, sich zu verletzen geringer, denn der Atem kann nur so lange frei fließen, wie man nicht zu tief in die Anspannung hinein geht. Sobald man sich also blockiert fühlt, ist es wichtig, die Bewegungen sanfter und nicht so tief auszuführen.
Das Gute ist: Der Körper wärmt sich trotzdem auf und mit jedem neuen Sonnengruß kann man tiefer in die Asanas hinein. Dessen wird man erst gewahr, wenn man sich erlaubt, sich wirklich und auch auf den Atem zu konzentrieren und dann passiert etwas, was meiner Erfahrung nach (leider!) die Wenigsten kennen:

2) Der Atem beginnt, einen durch den Sonnengruß zu tragen. Das klingt vielleicht seltsam, aber wenn man den Körper sich natürlich Stück für Stück öffnen lässt, dann übernimmt der Atem (vorausgesetzt, man atmet gleichmäßig; wir erinnern uns: die Bewegungen sind unterschiedlich schnell, die Atemzüge jedoch gleich lang) irgendwann die Initiative und trägt den Praktizierenden durch die Übung.

Es ist vergleichbar mit Surfen: die Atemzüge sind wie Wellen und man surft auf seinem Sonnengruß durch ein Meer aus Sauerstoff und Bewegung, solange man die gleichmäßige Atmung beibehält.
Imagine: Ein Sonnengruß ohne Anstrengung, purer Genuss und dabei trotzdem mit allen Vorteilen, die auch die krampfige Sonnengrußtechnik mit dem hochroten Kopf, der Atemnot und der ekligen Mischung aus „Ich platze gleich“ und „Ich kann nicht mehr“ bietet.

Würde es sich dafür nicht lohnen, an die „Aufwärmübung“ mal völlig neu heran zu gehen?

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