
Meditation ist und bleibt einer der Stolpersteine vieler Erleuchtungsaspiranten und derjenigen, die es ihren Freunden, Bekannten und Patienten empfehlen, damit aber häufig auf Reaktionen stoßen die von höflicher Neugier bis zu dem Satz: „Sorry, aber ich kann einfach nicht so lange still sitzen“ reichen.
Meditation ist nicht umsonst die Königsdisziplin und kommt erst, nachdem man die vorherigen sechs Stufen des achtgliedrigen Pfads gemeistert hat (Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana).
Das Gute an diesem langen Weg ist, dass man auf diese Weise auch die optimale Vorbereitung erläutert bekommt, ohne die es mit der Meditation – auch für die Topmotivierten – nun mal schwierig wird.
Die drei Hauptgründe für Hummeln im Hintern sind:
1) Gedankengequatsche
2) Körperliches Unwohlsein
3) Bewegungsdrang
Gehen wir die acht Stufen des Patanjali durch, finden wir genau diese Reihenfolge widergespiegelt.
Die Yamas und Niyamas, die Verhaltensregeln anderen und uns selbst gegenüber stehen nicht nur, weil man so schön über sie hinweg gehen kann, auf den ersten beiden Plätzen, sie sind der Boden, der Grund für alles, was folgt.
Jeder kennt das, man hatte eine unangenehme Begegnung im Verkehr, im Supermarkt, irgendwo in dieser fiesen Welt und hat sich entweder selbst wie ein Idiot verhalten oder wurde ungerecht behandelt. Danach kreisen die Gedanken stundenlang um diesen Moment, entweder man versucht, sich vor sich selbst zu rechtfertigen oder man geht die Situation mit der perfekten Antwort, die man hätte geben sollen, aber gerade nicht parat hatte, durch und es lässt einen einfach nicht mehr los.
In dieselbe Sparte fallen Existenzängste, Beziehungsprobleme und alle anderen Sorgen, mit denen man sich gerne Tag und Nacht vertreibt.
In der Tat wird Meditation oft als Hilfe dagegen empfohlen, und das kann auch funktionieren, aber eigentlich funktioniert es genau anders herum: erst muss man lernen, mit diesen Gedanken umzugehen, dann kann man meditieren und vielleicht kommt dann in der Meditation die Lösung, wie man das Problem/die Probleme bearbeiten kann.
Es ist wichtig, den Unterschied zwischen „nicht über Probleme grübeln“ und „Probleme lösen“ zu verstehen. Für eine definierte Zeitspanne nicht über ein Problem zu grübeln, heißt nicht, das Problem zu ignorieren, es bedeutet lediglich, zu akzeptieren, dass man gerade keine Lösung weiß, und seine Energien für eine Weile anders zu gebrauchen.
Gedankenhygiene ist daher der erste Schritt für eine Praxis des Sitzens und vielleicht auch der schwerste, aber mit einem ständig plappernden Sorgenkanal könnte die Meditation in einem blinkenden Raumschiff vor dem dritten Auge landen – man würde sie übersehen.
2)
Dass man auch Sitzen wieder erlernen muss wird jeder unterschreiben, der sich nach langer Zeit mal wieder in einen Schneidersitz gesetzt und nach ein paar Minuten gemerkt hat, wie ihm/ihr Hüfte/Rücken/Knie/Knöchel weh tun oder die Beine eingeschlafen sind.
Sitzen ist eine Asana und sollte auch als solche behandelt werden. Genauso wie wir für andere anspruchsvolle Haltungen Vorübungen machen, sollte auch der Sitz – gleich, welchen man wählt – geübt und praktiziert werden, bevor man sich einbildet, ihn zu können.
Wird dein Rücken müde, stärke deine Rückenmuskeln, drücken die Knie oder schmerzt die Hüfte – mache Hüftbeuger, sanft und respektvoll und wenn es sein muss, jahrelang, bis es passt.
Und am Ende steht erst mal das praktizieren der Asana. Wenn man langsam das Gefühl hat, der Körper lässt sich auf das Sitzen ein, dann ÜBE MAN SITZEN!
Ich wiederhole es: Zuerst übt man sitzen. Das ist nicht meditieren. Es ist sitzen. Man kann nicht nach Innen gehen, wenn das Außen noch Aufmerksamkeit fordert.
Sitzen üben heißt, den gewählten Sitz für eine festgelegte Zeit – 5, 10, 20,… Minuten – einzunehmen und zu halten und zu behandeln wie eine Asana.
Eine Asana ist eine gehaltene Stellung, in der man werden soll, wie eine Statue – mühelos, absichtslos, bewegungslos.
Erst dann wagt man sich an den nächsten Schritt.
3)
Extremer Bewegungsdrang, Zittern, Schütteln sind alles Zeichen dafür, dass man viel Energie im Körper hortet, sie aber nicht richtig verteilt hat.
Es kann ein generelles Übermaß vorherrschen, wahrscheinlicher ist aber, dass der Körper, bzw. die Nadis, die körpereigenen Energiekanäle, nicht richtig geöffnet sind.
Die Lösung folgt wieder indem wir die Ashtanga weiterverfolgen: Pranayama.
Pranayama, die Kunst der Beherrschung des Atems macht nicht nur wach und einen schönen Teint, sie ist vor allem dazu da, die Nadis zu öffnen, zu harmonisieren und die Lebensenergie im Körper zu erhöhen und optimal zu verteilen.
Die Voraussetzung dass die sehr subtile Praxis der Atemarbeit wirkt, ist das „grobe“ bearbeiten des Gewebes mit den Asanas, man könnte also sagen, Asanas sind Schnitzelklopfen und Pranayama ist Durchbraten. Vegane Analogien gerne im Kommentarbereich.
Hat man diese drei Punkte und vier Stufen gemeistert kommt man der Sache langsam näher und kann sich den nächsten beiden Stufen widmen: Das Zurück ziehen der Sinne aus dem Außen und die Konzentration, meistens abhängig von der Schule der Meditation die man praktizieren möchte.
Doch auch das alles ist noch nicht Meditieren und auch wenn das für viele keine schöne Nachricht ist: Meditieren kann man nicht so machen wie einen Kopfstand.
Die Meister vergleichen Meditation mit Schlaf – man kann sich auf sie vorbereiten, so wie man sich Abends (oder morgens) ins Bett legt, das Licht löscht und sich zudeckt und hofft, dass der Schlaf dann kommt. Genauso ist es mit Meditation und bis sie sich blicken lässt, ist es vor allem ein: Sitzen üben.
Wer das nicht vergisst, ist schon einen ganzen Schritt weiter.