
Wir machen das jetzt wie in der Yogastunde, wenn der Lehrer die Aufmerksamkeit immer wieder zu den Füßen bringt, den Knien, der Hüfte, dem Atem, dem Drishti. Und wieder: Füße, Knie, Hüfte, Atem, Drishti, Atem, Hüfte, Knie, Füße.
Genauso überprüfen wir das nächste Mal (und die 1.000 danach) ob wir das, was in den letzten Teilen dieser Reihe stand, korrekt anwenden;
wir überprüfen noch einmal unsere Entscheidung, Asanas lange oder kurz zu halten, machen uns bewusst, warum wir das tun und wie die Asanas wirken, richten uns so korrekt aus, wie es uns möglich ist, bündeln unsere Aufmerksamkeit bis zur Einpünktigkeit, orientieren die Intensität der Asana an unserem Atem, versenken den Geist tief in den Körper, spüren in jede Faser, jede Zelle, bis wir das Blut in unseren Adern fließen spüren können.
Immer und immer wieder.
Bis wir darin absolut sicher sind. Ohne Kompromisse.
Bis Du soweit?
Sitzt alles?
Gut, denn jetzt wird es richtig kompliziert.
Wer schon einmal das Gefühl hatte, beim Praktizieren von Yoga, Teil von etwas „Größerem“ zu sein, wird vielleicht verstehen, was jetzt kommt.
Es gibt eine Befriedigung bei der Praxis einer Asana, ein ganz zartes Gefühl, das Richtige zu tun, das mit einer normalen Sportübung in der Form schwerlich erreicht werden kann.
Es ist ein Gefühl wie der Geschmack Umami, der, laut der japanischen Ernährungstheorie, notwendig ist, um sich nach dem Essen nicht nur satt, sondern auch befriedigt zu fühlen.
Genauso etwas fühlt man vielleicht, wenn man sich in die Kobra begibt, statt „nur“ eine Rückenübung zu machen.
Ein Krieger ist irgendwie „mehr“ als nur eine Form der Kniebeuge, eine ganze Yogasequenz ist etwas, das über das Training des Körpers weit hinaus geht.
Warum das so ist, dazu gibt´s auch Yogatheorie und – Warnung vorweg – die kann man glauben oder fühlen, sportmedizinisch belegen können wird man sie nicht.
Asanas sind Abbildungen von Archetypischen Mustern, die in unserer DNA gespeichert sind.
Diese Muster stehen dem Körper permanent vor seinem inneren Auge und alle abweichenden Haltungsmuster (langes Sitzen, „falsche“ Bewegungsabläufe, Missbrauch des Körpers) betrachtet er folglich als zu korrigierende Zustände.
Da die „falschen“ Bewegungsmuster in unserer aktuellen Lebensweise verankert sind (Beruf am PC, Spaß beim Autofahren und „Feiern“) und intellektuell gestützt und gerechtfertig werden, kommt es im Körpersystem zu einem Grundkonflikt: Die Art wie wir leben passt nicht zur Art wie wir gebaut sind.
Unser Körper ist für Bewegung geschaffen, unsere Augen für das Abscannen von Flächen, die weiter und tiefer sind als ein Bildschirm und unsere Emotionale Ausrichtung ist Gemeinschaft und nicht Egoismus.
Bis die Evolution das geändert hat, wird unser Körper auf der Gültigkeit der Werkseinstellung beharren und in der Folge machen alle ihr zuwiderlaufenden Aktionen den Körper „krank“.
Wenn wir nun Asanas praktizieren, geben wir dieser Ureinstellung Raum und Fläche, sich zu verwirklichen.
Wir geben dem Körpersystem Raum, sich zu heilen und neu zu konfigurieren.
Die Folgen sind ihrer zwei: Erstens wird der oben angesprochene Konflikt von Seiten des Körpers aus gemindert, denn wenn er sich entfalten darf, empfindet er die „falschen Muster“ nicht mehr also so bedrohlich; Zweitens: die „falschen Muster“ werden reduziert.
Ein Effekt den man sich am Anfang oft nicht eingestehen möchte, aber Yoga verändert.
Es macht nicht nur stärker und geschmeidiger, es macht, dass man stärker und geschmeidiger sein und bleiben möchte und führt Schritt für Schritt auf die Lebensweise hin, die das am besten ermöglicht.
Das Prinzip ist einfach: Wenn wir dem Grundmuster des Körpers Raum geben, wird er ihn nutzen.
Yoga ist also – körperlich gesehen – nichts anderes als eine Rückkehr zu einer Lebensweise, die für den Menschen vollkommen natürlich ist.
Ernährung, Umgang mit sich selbst und anderen und schließlich auch die spirituellen Aspekte dieser Lebensweise kommen ganz von selbst, dabei spielt es keine Rolle, ob man sich in ein buddhistisch/hinduistisches Milieu begibt, nach christlichen Werten lebt oder als Atheist Kants kategorischen Imperativ umsetzt – die Grundprinzipien sind sozusagen gesichtslos.
Doch noch sind wir bei den Asanas und jetzt kommt der angesprochene komplizierte Teil.
Wenn wir es geschafft haben, unsere Konzentration so vollkommen auf den Körper auszurichten, dass wir uns jeder einzelnen Zelle bewusst sind – dann wird es Zeit, den Körper in der Asana vollkommen zu vergessen.
Der Schritt der Konzentration ist unabdingbar, zum Einen, um die Konzentration zu schulen, zum Anderen, um die Asanas „richtig“ zu erlernen und Verletzungen vorzubeugen. Um die wahren Aspekte des physischen Yoga verwirklichen zu können, müssen wir dem Körper jedoch die Kontrolle über sich selbst zurück geben.
Diese Prüfung ist für uns als Westler sehr anspruchsvoll, denn wir sind es gewöhnt, uns über Leistung zu definieren.
Solange wir jedoch versuchen, die Asana noch korrekter zu halten, das Knie noch etwas zu beugen, noch länger in einer fordernden Pose zu verharren, so lange geben wir die Körperkontrolle an den Intellekt, der auch die ganzen „falschen Muster“ etabliert und unterstützt hat
Unser Intellekt wird jedoch niemals so genau wissen, was für den Körper gerade optimal ist, wie der Körper selbst.
Die Folgerung: Wir bringen den Körper ins Studio, wärmen ihn auf, falten ihn in die Asana und dann ist die Arbeit des Geistes getan.
Ab hier übernimmt der Körper.
Um dem Körper Raum zu geben, braucht der Geist aber eine Beschäftigung. Im Idealfall ist man spirituell soweit, dass man ihn auf das Unendliche richten kann und er von selbst da bleibt. Dann erfährt man einen Zustand namens „Ozeanisches Fließen“ und der Körper kann sich ungestört um sich selbst kümmern.
Die meisten werden das jedoch vermutlich nicht können, doch auch für die gibt es mehrere Ansätze und Techniken.
Die einfachste ist, sich auf seinen Atem zu konzentrieren.
Wer seine Arme und Beine und das Zittern und Schwitzen vergessen und sich einfach auf seine Atemzüge konzentrieren kann, schickt „den Affen (die Gedanken) den Fahnenmast hoch und runter“ wie es in den Schriften beschrieben wird.
Diese Technik eignet sich vor allem für die dynamischen Varianten. Hier sollte man auf die Erlernung fester Reihen wie z.B. im Ashtanga Wert legen, die man irgendwann automatisch laufen kann, damit die Konzentration so viel wie möglich von den Körperprozessen abgezogen werden kann.
Für die Praxis des Hatha, mit langen Haltephasen, empfiehlt sich die Praxis des völligen Verharrens.
Asana heißt: „Zu werden wie eine Statue“. Danach trachte, Yogi, verharre in vollkommener Bewegungslosigkeit und richte deine Aufmerksamkeit auf die Stille oder ein Mantra und siehe, was passiert.
Das mit dem Mantra ist übrigens auch eine gern gewählte Technik für dynamische Varianten. Je nach Anzahl der Silben des Mantras, passt es in die einzelnen Sequenzen und man muss nicht einmal mehr die Atemzüge zählen.
So oder so, am Anfang steht die Meisterung des Körpers über den Geist – und sie ist unerlässlich! – und schließlich der Abzug des Geistes von allem Körperlichen, denn nur so können Körper und Geist beide am besten wachsen und gedeihen.
Und damit schließt diese Reihe, wie sie angefangen hat – mit den Sutras von Patanjali, denn die eine am Anfang der Serie war nur die erste von dreien, die als die drei Hauptgrundsätze für das Üben von Asanas gelten:
Sthira sukam asanam – „Deine Haltung sei fest und bequem“
Prayatna shaithilyananta samapattibhyam – „Konzentriere dich auf das Fließen im Unendlichen“
Tato dvandvanabhigtatah – “Dadurch kommt der Geist zur Ruhe“
Hari Om Tat Sat.